Die meisten Menschen tun sich schwer bis sehr schwer mit dem Loslassen. Deshalb schreibe ich über die Kunst des Loslassens, und nicht über den Zufall des Loslassens. Denn Loslassen ist zentral wichtig, und wer erwachsen sein will, muss es können, denn sonst wird das Festhalten immer schwieriger und schmerzhafter.
Schlafende Menschen merken in der Regel gar nicht, dass sie festhalten. Sie haben ihre Glaubenssysteme, noch dazu sehr viele davon, und denken und handeln entlang dieser Glaubenssysteme. Sie hinterfragen nicht, ob die Dinge wirklich so sind oder sein müssen, wie sie glauben und leben. Sie glauben wirklich, dass sie hart arbeiten müssen, dass es normal ist, zu heiraten und Kinder aufzuziehen, sich durch ihre Arbeit Wohlstand und Status zu erschaffen und daran festzuhalten und somit ihre Identität Stück für Stück aufzubauen bzw. zu erkämpfen. Hinterfragt wird nichts, verglichen wird viel.
Sokrates hat einmal gesagt: „Das ungeprüfte Leben ist es nicht wert, gelebt zu werden.“ Wie recht er hatte! Im Normalfall leben Menschen wie die Lemminge und laufen der Masse hinterher. Erst, wenn man das Leben prüft, es also hinterfragt, beginnen Menschen, sich aus der Masse zu erheben. Doch dann ist man kein schlafender Mensch mehr, man betritt die Phase 1 des Erwachens.
Erwachende Menschen, oje. Sie wissen, dass es Loslassen gibt und dass es irgendwie wichtig ist. Alleine, wirklich loslassen tun sie nicht so viel. Die reden mehr darüber. Wenn sie in der Phase 2 sind, bauen sie Glaubenssysteme erst richtig auf und verpassen sich eine tolle, große Ego-Identität. Erst ab der Phase 3 beginnt echtes Erwachen. Doch auch da gibt es viele, große Ego- und Identitätsspiele.
Erwachende wissen überhaupt viel, nicht nur über das Loslassen. Und der größte Teil dieses vielen Wissens hängt im Verstand, Ebene 1 des Wissens. Erkenntnisse gibt es natürlich auch, besonders ab Phase 3 des Erwachens. Aber auch Schlafende und Erwachende der Phasen 1 und 2 haben Erkenntnisse, natürlich viel weniger.
Die Erkenntnisse der Erwachenden wandern in der Regel leider auch recht schnell in den Verstand. Zu groß ist die Versuchung, die gewonnene Erkenntnis gründlich zu durchdenken, also mit dem Verstand zu bearbeiten. Somit bleibt bei schlafenden und erwachenden Menschen das Loslassen eher bescheiden. Was mich erneut zum Titel dieses Kapitels führt, die Kunst des Loslassens. Natürlich gilt das Gesagte nicht für alle Menschen gleichermaßen, es gibt Ausnahmen. Aber im Gro0en und Ganzen verhält es sich so.
Ich kenne mittlerweile ziemlich viele Erleuchtete, aber nur einen einzigen, der wirklich losgelassen hat. Und ich weiß, wie viele Jahre er gelitten hat, bis er aufgeben, also total loslassen könnte. Jetzt geht es ihm natürlich rundherum gut, jetzt belastet ihn nichts mehr, was er festhält. Glasklar sehen tut er schon seit etlichen Jahren, er war und ist erleuchtet, wie man es nur sein kann. Aber er hatte noch an Altem festgehalten, hauptsächlich an Vorstellungen, wie etwas laufen müsste.
Dieses Beispiel zeigt sehr schön, welche Probleme Erleuchtete haben. Und es kommt etwas hinzu, ein Problem, das Schlafende und Erwachende nicht haben: Je länger ein Mensch erleuchtet ist, desto mehr Druck macht die Seele, auch wirklich göttlich zu leben, also u.a. an nichts festzuhalten, alles loszulassen, auch wenn das auf den ersten Blick schlimm oder ganz schlimm ausschaut. Ein solcher Mensch ist gefordert, sich zu 100% seiner göttlichen Führung zu überlassen. Tut er es nicht, hat die Seele nur noch den Körper, um deutlich Klartext zu reden. Das tut dann weh.
Da es beim Erwachsensein um erleuchtete Menschen geht, ist diese Aussage wichtig und nicht sehr bekannt.
Was halten denn Menschen aller Gruppen fest? Einfach alles. Erleuchtete natürlich weniger. Aber auch Erleuchtete haben ein „Lieblings-Schreckgespenst“, wie es Allen Stacker so treffend formulierte, das scheinbar für immer da ist, was immer der Mensch auch tut. Auf rätselhafte Weise hält der Erleuchtete es fest. Je mehr er es loslassen will, desto unmöglicher wird es, es abzuschütteln.
Das hat einen einfachen und plausiblen Grund. Das Schreckgespenst ist für den Menschen da, um zu lernen. Zu lernen, was der Mensch übersieht und nach wie vor festhält. Welche Haltung du auch immer dazu einnimmst, diese Schreckgespenster gibt es, unter Garantie.
Haltungen, das ist schon ein Stichwort. Sie werden festgehalten mit Zähnen und Klauen. Ebenso Einstellungen, Einschätzungen und Vorstellungen. Da ist der Mensch unerbittlich. Und natürlich Meinungen. Erleuchtete haben normalerweise keine Meinungen mehr, weil sie einfach sehen, was ist. Dazu kann man keine Meinung haben. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel.
Emotionen werden festgehalten, auch wenn sie den Menschen belasten. Menschen und Beziehungen, das sind richtige Schlachtfelder des Festhaltens. Und schließlich materieller Besitz, mit dem häufig ein Status verknüpft wird. Das ist gleich auch ein schönes Beispiel für das eigentliche Problem. Nicht der Besitz muss losgelassen werden, sondern der Status, die Haltung, die Vorstellung von Besitz.. Meistens geht das halt leider nur, wenn dem Menschen der Besitz entrissen wird.
Die Sachen, die ich genannt habe, sitzen wirklich tief und sind daher nicht leicht loszulassen. Und sie bestimmen die Identität des Menschen. Und wem fällt es schon leicht, seine Identität loszulassen?
Dabei könnte es so leicht sein, von außen betrachtet. Du lässt die Sache einfach fallen wie eine heiße Kartoffel, die du fest in deiner Hand hältst. Jeder, der schon einmal Kartoffeln gekocht hat, weiß, wie schmerzend heiß die sind. Aber Menschen halten sie faszinierender Weise fest, wie ich bei den Emotionen schon gesagt habe. Es gibt da einen Mechanismus, der oft und gerne Komfortzone genannt wird, obwohl diese Zone ganz und gar nicht komfortabel ist. Der „Komfort“ besteht darin, dass der Mensch weiß, was kommt, was ihn erwartet. Wenn zB das Familienmitglied A dem Familienmitglied B das Leben zur Hölle macht, wird B das in aller Regel sehr, sehr lange akzeptieren. B weiß, was er/sie zu erwarten hat, und das ist ihm/ihr lieber als die Ungewissheit des Fremden und Neuen. Also bleiben sie in der Komfortzone des Leidens und des Schmerzes.
Doch Erwachen und Erleuchtung bestehen genau darin, dass der Mensch nicht weiß, was kommt, und dass das, was kommt, völlig neu und unerwartet und anders ist. Insofern ist jedes Festhalten zwar verständlich, aber völlig unsinnig.
Loslassen ist wirklich eine Kunst. Alles aufzugeben, was einen Menschen ausmacht, ist eine Kunst und erfordert so einige Überwindung. Im Zuge des Erwachsen-Werdens muss der Mensch diese Kunst erlernen, sonst könnte sein Leben leicht zur Hölle werden. Und, überflüssig zu erwähnen: Atmen hilft, gewaltig.
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